Degrowth (1/6): Einordnung, Begriff und Reichweite

1. Auftakt: Warum Degrowth mehr ist als ein Schlagwort

Der Begriff „Degrowth“ ist in den vergangenen Jahren zunehmend in politischen, wissenschaftlichen und medialen Kontexten präsent. Er erscheint in Strategiepapieren, Forschungsprojekten, Konferenzprogrammen und öffentlichen Debatten. Dabei fällt auf, dass Degrowth häufig verwendet wird, ohne eindeutig definiert zu sein. Je nach Kontext wird der Begriff unterschiedlich interpretiert: als ökonomisches Konzept, als politisches Leitbild, als gesellschaftliche Vision oder als Beschreibung bereits stattfindender Entwicklungen.

Diese begriffliche Unschärfe ist charakteristisch für Degrowth. Anders als klar abgegrenzte wirtschaftspolitische Instrumente oder institutionalisierte Programme fungiert Degrowth primär als Denkrahmen. Er bündelt unterschiedliche Fragestellungen, die sich um Wachstum, Ressourcenverbrauch, ökologische Belastungsgrenzen und gesellschaftliche Organisation drehen. Gerade diese Offenheit trägt dazu bei, dass Degrowth sowohl Aufmerksamkeit erzeugt als auch Missverständnisse begünstigt.

In politischen Debatten wird Degrowth teils explizit benannt, teils bewusst vermieden. Maßnahmen zur Emissionsreduktion, zur Begrenzung bestimmter Wirtschaftsaktivitäten oder zur Umgestaltung von Produktions- und Konsummustern werden häufig diskutiert, ohne den Begriff Degrowth zu verwenden. Gleichzeitig wird er von anderen Akteuren als Sammelbezeichnung genutzt, um diese Maßnahmen einzuordnen oder kritisch zu begleiten. Degrowth fungiert damit als Referenzpunkt, unabhängig davon, ob er offiziell übernommen wird.

In der Wissenschaft hat sich Degrowth als interdisziplinäres Forschungsfeld etabliert. Ökonomische, soziologische und umweltwissenschaftliche Ansätze greifen den Begriff auf, um grundlegende Annahmen wachstumsorientierter Gesellschaften zu hinterfragen. In diesem Kontext dient Degrowth weniger als politisches Programm, sondern als analytische Perspektive auf bestehende Systeme.

Mediale Darstellungen verstärken die Vieldeutigkeit. Degrowth wird dort häufig verkürzt oder emotionalisiert dargestellt. Er erscheint als Gegenentwurf zu Wohlstand, als Synonym für Verzicht oder als drohendes Szenario wirtschaftlichen Niedergangs. Solche Darstellungen tragen zur Polarisierung bei, erschweren jedoch eine sachliche Auseinandersetzung.

Gerade vor diesem Hintergrund ist eine präzise Einordnung notwendig. Degrowth ist mehr als ein kurzfristiger Trendbegriff, weil er wiederkehrend in unterschiedlichen Diskursfeldern auftaucht und dort als strukturierendes Element wirkt. Gleichzeitig ist er weniger als ein geschlossenes Konzept zu verstehen, da er keine einheitliche Definition oder allgemein akzeptierte Umsetzungsvorschrift besitzt.

Die zentrale Frage dieses Auftakts lautet daher nicht, ob Degrowth richtig oder falsch ist, sondern warum er relevant geworden ist. Relevanz entsteht hier nicht durch moralische Überlegenheit oder politische Durchsetzungskraft, sondern durch die Fähigkeit eines Begriffs, Debatten zu bündeln und Denkrahmen zu verschieben. Degrowth erfüllt diese Funktion, indem er die Selbstverständlichkeit von Wachstum als gesellschaftlichem Leitprinzip infrage stellt, ohne bereits festzulegen, welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind.

Die Abgrenzung zwischen Modewort und strukturierender Idee ist dabei entscheidend. Modewörter sind meist kurzlebig, reagieren auf aktuelle Ereignisse und verlieren rasch an Bedeutung. Strukturierende Ideen hingegen prägen langfristige Diskurse, beeinflussen Forschungsfragen und wirken in politische Entscheidungsprozesse hinein. Degrowth zeigt Merkmale einer solchen strukturierenden Idee, da er über Jahre hinweg in unterschiedlichen Kontexten aufgegriffen und weiterentwickelt wird.

Dieser erste Abschnitt begründet somit die Relevanz von Degrowth, ohne ihn zu bewerten. Er legt den Fokus auf die Rolle des Begriffs im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs und schafft die Grundlage für eine präzisere begriffliche Klärung im nächsten Abschnitt.

2. Begriffsbestimmung: Was Degrowth bezeichnet – und was nicht

Der Begriff „Degrowth“ geht sprachlich auf das französische Wort „décroissance“ zurück, das seit den 1970er-Jahren in wachstumskritischen Debatten verwendet wird. In der englischen Übersetzung „Degrowth“ fand der Begriff internationale Verbreitung und wurde in unterschiedliche nationale Diskurse übernommen. Sprachlich bezeichnet Degrowth wörtlich eine Abkehr von Wachstum, konzeptionell jedoch geht seine Bedeutung darüber hinaus.

Degrowth bezeichnet keinen rein ökonomischen Zustand, sondern einen Denkrahmen zur Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft unter Bedingungen begrenzter Ressourcen. Er stellt die Annahme infrage, dass stetiges Wirtschaftswachstum notwendig oder dauerhaft möglich ist. Dabei geht es nicht um kurzfristige Schwankungen, sondern um strukturelle Grundlagen moderner Wirtschaftssysteme.

Eine zentrale Abgrenzung besteht zur Rezession. Eine Rezession beschreibt einen zeitlich begrenzten Rückgang der Wirtschaftsleistung innerhalb eines grundsätzlich wachstumsorientierten Systems. Sie gilt in klassischen ökonomischen Modellen als Ausnahmezustand, dem in der Regel eine Erholungsphase folgt. Degrowth hingegen thematisiert einen dauerhaften Zustand oder einen bewussten Verzicht auf Wachstum als Zielgröße. Während die Rezession als Abweichung vom Normalzustand verstanden wird, hinterfragt Degrowth den Normalzustand selbst.

Auch von einer wirtschaftlichen Krise ist Degrowth zu unterscheiden. Krisen entstehen meist abrupt durch externe Schocks, strukturelle Ungleichgewichte oder systemische Fehlentwicklungen. Sie sind häufig von Instabilität, Unsicherheit und kurzfristigen Anpassungsmaßnahmen geprägt. Degrowth beschreibt dagegen keinen Ausnahmezustand, sondern einen konzeptionellen Rahmen, der unabhängig von akuten Krisen diskutiert wird.

Häufig wird Degrowth mit Verzicht gleichgesetzt. Diese Gleichsetzung ist verkürzend. Verzicht bezieht sich auf individuelle oder kollektive Konsumentscheidungen und moralische Haltungen. Degrowth hingegen beschreibt strukturelle Veränderungen wirtschaftlicher Rahmenbedingungen. Individuelle Verhaltensänderungen können Teil entsprechender Debatten sein, sind aber nicht identisch mit dem Begriff Degrowth selbst.

Ebenso ist Degrowth von Sparpolitik abzugrenzen. Sparpolitik bezeichnet fiskalische Maßnahmen zur Reduktion staatlicher Ausgaben oder zur Haushaltskonsolidierung, meist innerhalb bestehender wachstumsorientierter Modelle. Degrowth hingegen hinterfragt diese Modelle grundsätzlich und zielt nicht primär auf fiskalische Effizienz, sondern auf die Rolle von Wachstum als Leitprinzip.

Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen Degrowth als normativem Konzept und Schrumpfung als deskriptivem Zustand. Schrumpfung beschreibt empirisch messbare Rückgänge von Wirtschaftsleistung, Produktion oder Konsum. Sie kann unterschiedliche Ursachen haben, etwa demografische Veränderungen, technologische Umbrüche oder externe Schocks. Degrowth hingegen formuliert normative Annahmen darüber, wie Wirtschaft organisiert sein sollte, wenn Wachstum nicht mehr als Ziel gilt.

Diese normative Dimension unterscheidet Degrowth von rein deskriptiven Analysen. Er enthält implizite Vorstellungen darüber, welche Formen wirtschaftlicher Aktivität als wünschenswert gelten und welche begrenzt werden sollten. Gleichzeitig existieren auch Verwendungen des Begriffs, die Degrowth rein analytisch einsetzen, um wachstumsunabhängige Szenarien zu untersuchen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Degrowth ist weder ein Synonym für wirtschaftlichen Niedergang noch für Sparpolitik oder individuelle Askese. Er bezeichnet einen offenen Denkrahmen, der Wachstum als zentrale Organisationslogik hinterfragt und alternative Perspektiven auf wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung eröffnet. Diese begriffliche Klarheit bildet die Grundlage für die weitere Einordnung von Degrowth im politischen und wissenschaftlichen Raum.

3. Degrowth im politischen Raum

Im politischen Raum nimmt Degrowth eine besondere Stellung ein. Anders als klassische wirtschaftspolitische Konzepte tritt der Begriff selten als klar formuliertes Ziel auf. In Parteiprogrammen, Koalitionsverträgen oder Regierungserklärungen wird Degrowth meist nicht explizit benannt. Dennoch finden sich zahlreiche politische Maßnahmen und Zielsetzungen, die in der öffentlichen Debatte mit Degrowth in Verbindung gebracht werden.

Diese indirekte Präsenz erklärt sich aus der politischen Sensibilität des Begriffs. Wachstum gilt in vielen politischen Systemen weiterhin als Voraussetzung für Wohlstand, Beschäftigung und soziale Stabilität. Eine offene Abkehr von Wachstum als Leitprinzip würde grundlegende Annahmen politischer Steuerung infrage stellen. Entsprechend werden wachstumsbegrenzende Maßnahmen häufig in andere Narrative eingebettet.

In der Klimapolitik zeigt sich dies besonders deutlich. Politische Ziele zur Reduktion von Treibhausgasemissionen, zur Begrenzung des Ressourcenverbrauchs oder zur Transformation von Energiesystemen implizieren Annahmen über zukünftige wirtschaftliche Entwicklung. Emissionsbudgets und Reduktionspfade lassen sich nur einhalten, wenn bestimmte Wirtschaftsaktivitäten begrenzt oder zurückgefahren werden. Ob dies als temporäre Anpassung oder als strukturelle Neuausrichtung verstanden wird, bleibt häufig offen.

Auch auf europäischer Ebene spielt Degrowth vor allem indirekt eine Rolle. Strategien zur nachhaltigen Entwicklung, industriepolitische Leitlinien oder langfristige Klimaziele enthalten Elemente, die Wachstum in einzelnen Sektoren begrenzen sollen. Gleichzeitig wird auf Innovation, Effizienz und technologische Lösungen verwiesen, um Wachstum in anderen Bereichen zu ermöglichen. Degrowth erscheint hier weniger als Ziel denn als möglicher Effekt oder Begleiterscheinung politischer Steuerung.

In nationalen Politikfeldern lassen sich ähnliche Muster beobachten. Verkehrs-, Energie- oder Agrarpolitik enthalten zunehmend Vorgaben, die wirtschaftliche Aktivitäten regulieren oder einschränken. Diese Vorgaben werden meist mit Umwelt- oder Nachhaltigkeitszielen begründet, nicht mit Degrowth als explizitem Leitbild. Dennoch greifen Kritiker wie Befürworter solcher Maßnahmen auf den Begriff zurück, um diese Entwicklungen einzuordnen.

Ein zentraler Unterschied besteht zwischen expliziter Forderung und impliziter Umsetzung. Explizite Degrowth-Forderungen sind politisch selten und finden sich vor allem in kleineren Parteien, zivilgesellschaftlichen Initiativen oder programmatischen Papieren außerhalb der Regierungsverantwortung. Implizite Umsetzungen hingegen sind weit verbreitet. Sie äußern sich in Regulierungen, Zielvorgaben und Steuerungsinstrumenten, die Wachstum in bestimmten Bereichen begrenzen, ohne das Gesamtmodell infrage zu stellen.

Diese Differenz prägt die politische Debatte. Degrowth wird häufig als Etikett verwendet, um Maßnahmen zu kritisieren oder zu verteidigen, die eigentlich aus anderen politischen Logiken heraus entstehen. Der Begriff fungiert dabei weniger als eigenständiges politisches Programm, sondern als Deutungsrahmen.

Wichtig ist, dass in diesem Kontext keine Motivanalyse erfolgt. Es wird nicht beurteilt, warum politische Akteure bestimmte Maßnahmen ergreifen oder welche Absichten dahinterstehen. Ziel ist allein die Darstellung, wo und wie Degrowth-relevante Annahmen im politischen Raum sichtbar werden.

Degrowth ist damit politisch präsent, ohne politisch klar institutionalisiert zu sein. Diese Ambivalenz trägt dazu bei, dass der Begriff sowohl Anschlussfähigkeit als auch Konfliktpotenzial besitzt. Er kann bestehende Politiken rahmen, ohne selbst formell beschlossen zu werden.

4. Degrowth in Wissenschaft und Thinktanks

In der Wissenschaft hat sich Degrowth als eigenständiges, wenn auch heterogenes Forschungsfeld etabliert. Anders als in der Politik wird der Begriff hier häufiger explizit verwendet. Dabei handelt es sich nicht um eine einheitliche Theorie, sondern um ein interdisziplinäres Diskursfeld, das unterschiedliche Fragestellungen zusammenführt.

In der Ökonomie steht Degrowth im Spannungsfeld zwischen wachstumsorientierten Modellen und Postwachstumsansätzen. Klassische ökonomische Theorien gehen davon aus, dass Wachstum notwendig ist, um Beschäftigung zu sichern, Wohlstand zu steigern und soziale Systeme zu finanzieren. Degrowth-nahe Ansätze stellen diese Annahmen infrage und analysieren die strukturelle Abhängigkeit moderner Wirtschaftssysteme vom Wachstum.

Dabei geht es weniger um kurzfristige Prognosen als um langfristige Systemfragen. Wie stabil sind Wirtschaftssysteme, die auf dauerhaftes Wachstum angewiesen sind? Welche Alternativen existieren, wenn Wachstum an ökologische oder soziale Grenzen stößt? Degrowth dient hier als analytischer Rahmen, um diese Fragen zu untersuchen.

Die Soziologie betrachtet Degrowth vor allem im Kontext gesellschaftlicher Strukturen und Lebensweisen. Forschungsschwerpunkte liegen auf Konsummustern, Arbeitsorganisation, sozialer Ungleichheit und kulturellen Leitbildern. Wachstum wird hier nicht primär als ökonomische Kennzahl verstanden, sondern als gesellschaftliches Organisationsprinzip, das Erwartungen, Normen und Institutionen prägt.

In den Umweltwissenschaften ist Degrowth eng mit dem Konzept planetarer Belastungsgrenzen verbunden. Ressourcenverbrauch, Biodiversitätsverlust und Klimawandel bilden zentrale Bezugspunkte. Degrowth wird in diesem Kontext genutzt, um Szenarien zu entwickeln, in denen ökologische Stabilität nicht von weiterem Wirtschaftswachstum abhängt.

Diese disziplinären Zugänge unterscheiden sich in Methoden und Fragestellungen, teilen jedoch die Annahme, dass Wachstum nicht als neutraler oder unbegrenzter Prozess betrachtet werden kann. Degrowth fungiert dabei als Klammer, die unterschiedliche Perspektiven zusammenführt.

Neben der akademischen Forschung spielen Thinktanks, Beiräte und Expertenräte eine wichtige Rolle. Sie fungieren als Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Politik. In Studien, Gutachten und Empfehlungen greifen sie Degrowth-nahe Konzepte auf, häufig ohne den Begriff selbst zu verwenden. Stattdessen werden Begriffe wie Nachhaltigkeit, Transformation oder Resilienz genutzt.

Diese Institutionen tragen zur Legitimierung politischer Maßnahmen bei, indem sie wissenschaftliche Argumente bereitstellen. Degrowth erscheint hier weniger als Forderung, sondern als analytischer Hintergrund, der bestimmte politische Optionen plausibel macht.

Charakteristisch für die wissenschaftliche Degrowth-Debatte ist ihre Pluralität. Es existiert kein einheitliches Degrowth-Modell, keine verbindliche Definition und keine allgemein akzeptierte Umsetzungsstrategie. Degrowth ist vielmehr ein offener Diskursraum, in dem unterschiedliche Ansätze koexistieren.

Diese Offenheit ist zugleich Stärke und Schwäche. Sie ermöglicht Anschlussfähigkeit an verschiedene Disziplinen, erschwert jedoch klare Abgrenzungen. Degrowth kann analytisches Instrument, normatives Leitbild oder Forschungsheuristik sein – je nach Kontext.

Für die Einordnung des Begriffs ist entscheidend, dass Degrowth in Wissenschaft und Thinktanks primär als Denkrahmen fungiert. Er strukturiert Fragestellungen, ohne zwingend politische Handlungsanweisungen zu liefern. Diese Rolle unterscheidet ihn von klassischen wirtschaftspolitischen Konzepten.

5. Reichweite der Idee: Theorie, Leitbild oder politische Praxis?

Degrowth bewegt sich zwischen unterschiedlichen Ebenen gesellschaftlicher Wirkung. In manchen Kontexten bleibt der Begriff Teil theoretischer und akademischer Debatten, in anderen beeinflusst er politische Entscheidungen, ohne ausdrücklich benannt zu werden. Diese Mehrdeutigkeit ist zentral für das Verständnis seiner Reichweite.

Als theoretisches Konzept dient Degrowth in erster Linie der Kritik bestehender Wachstumsannahmen. In dieser Funktion wird er genutzt, um Modelle zu entwickeln, die wirtschaftliche Stabilität ohne stetige Expansion untersuchen. Der Fokus liegt dabei auf langfristigen Strukturen, nicht auf kurzfristiger Politik. Degrowth fungiert hier als analytischer Rahmen, der Alternativen sichtbar macht, ohne sie zwingend umzusetzen.

Als gesellschaftliches Leitbild wird Degrowth dort relevant, wo Fragen nach Lebensstil, Konsum und Arbeit diskutiert werden. In diesem Kontext erscheint Degrowth weniger als konkretes Programm, sondern als Orientierungsgröße. Er bietet eine Sprache, um über Grenzen des Wachstums zu sprechen und gesellschaftliche Erwartungen zu reflektieren. Diese Funktion ist kulturell wirksam, auch wenn sie politisch unverbindlich bleibt.

In der politischen Praxis ist Degrowth am schwersten zu verorten. Nur selten wird er offen als Ziel formuliert. Stattdessen wirken degrowth-nahe Annahmen implizit, etwa durch Regulierung, Zielvorgaben oder langfristige Strategien. Politische Maßnahmen können wachstumsbegrenzende Effekte haben, ohne dass dies als Degrowth ausgewiesen wird.

Diese Unschärfe führt zu drei unterschiedlichen Wirkungsweisen. Erstens kann Degrowth als Ziel auftreten, wenn politische Akteure bewusst eine Abkehr vom Wachstumsparadigma formulieren. Dies bleibt bislang die Ausnahme. Zweitens kann Degrowth als Rechtfertigung dienen, um Maßnahmen zu legitimieren, die aus anderen Gründen beschlossen wurden. Drittens kann Degrowth als Nebenwirkung politischer Entscheidungen auftreten, ohne intendiert zu sein.

Die Reichweite von Degrowth liegt somit weniger in seiner formalen Umsetzung als in seiner diskursiven Wirkung. Er strukturiert Debatten, beeinflusst Forschungsfragen und dient als Deutungsrahmen für politische Entwicklungen. Diese indirekte Wirkung erklärt, warum Degrowth gleichzeitig präsent und schwer greifbar ist.

Für die folgenden Teile des Dossiers ist diese Einordnung zentral. Sie verdeutlicht, dass Degrowth weder eindeutig Theorie noch eindeutig Praxis ist. Vielmehr bewegt er sich zwischen beiden Ebenen und entfaltet seine Wirkung abhängig vom Kontext.

6. Zwischenfazit & Ausblick auf das Dossier 2/6

Dieser erste Teil des Dossiers hat Degrowth als Begriff und Denkrahmen eingeordnet. Ziel war es, Klarheit zu schaffen, ohne Position zu beziehen. Degrowth wurde nicht als politisches Programm bewertet, sondern als Diskursphänomen beschrieben, das in Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit wirksam ist.

Es wurde gezeigt, dass Degrowth mehr ist als ein Schlagwort. Seine Relevanz ergibt sich aus der wiederholten Verwendung in unterschiedlichen Kontexten und aus seiner Funktion als strukturierende Idee. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Degrowth kein einheitlich definiertes Konzept ist. Er bezeichnet einen offenen Denkraum, in dem unterschiedliche Annahmen, Modelle und Zielvorstellungen koexistieren.

Die begriffliche Klärung hat gezeigt, was Degrowth nicht ist. Er ist weder mit Rezession noch mit Krise gleichzusetzen, weder mit Sparpolitik noch mit individuellem Verzicht. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen Degrowth als normativem Konzept und Schrumpfung als deskriptivem Zustand. Diese Differenz bildet die Grundlage für jede weitere Analyse.

Die politische Verortung hat verdeutlicht, dass Degrowth selten explizit formuliert wird, aber implizit wirksam sein kann. Politische Maßnahmen können wachstumsbegrenzende Effekte haben, ohne als Degrowth benannt zu werden. Der Begriff fungiert hier als Deutungsrahmen, nicht als formelles Ziel.

In Wissenschaft und Thinktanks dient Degrowth vor allem als analytisches Instrument. Er ermöglicht es, Wachstumsabhängigkeiten sichtbar zu machen und alternative Modelle zu untersuchen. Dabei bleibt die Debatte plural und offen. Es existiert kein konsolidiertes Degrowth-Modell, sondern eine Vielzahl von Ansätzen.

Offen bleiben zentrale Fragen, die in den folgenden Teilen des Dossiers behandelt werden. Ist Degrowth eine bewusste Strategie oder eine Konsequenz bestehender Entwicklungen? Wer definiert Schrumpfung, und auf welcher Grundlage? Welche ideologischen Annahmen liegen dem Degrowth-Diskurs zugrunde, und welche ökonomischen, politischen und sozialen Folgen ergeben sich daraus?

Der Ausblick auf Teil 2/6 – Ursprung & Ideologie knüpft genau an diesen offenen Punkten an. Dort werden die geistigen Wurzeln, Denkschulen und normativen Annahmen untersucht, die Degrowth geprägt haben. Ziel ist es, den ideologischen Unterbau sichtbar zu machen, auf dem der Begriff ruht.

Dieser erste Dossier-Teil endet bewusst ohne Urteil. Er schafft Orientierung, nicht Entscheidung. Degrowth ist damit eingeordnet, aber nicht bewertet – als Voraussetzung für eine vertiefte Analyse in den folgenden Teilen.

 

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Degrowth (1/6): Einordnung, Begriff und Reichweite

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